Allgemein Kolumnen Season 2018

„Enemy Territory“ Seattle Seahawks-Edition – Week 11 / 2018

Nur noch wenige Stunden bis zum Thursday Night Game gegen die Seahawks. Höchste Zeit für ein neues „Enemy Territory“!

Diese Woche hat sich Max von den German Sea Hawkers e.V. die Zeit genommen etwas für unsere Kolumne zu verfassen. Viel Spaß!

 

1. Vor wenigen Jahren versetzte die sogenannte „Legion of Boom“ gegnerische Offenses in Angst und Schrecken. Von den ursprünglichen „Mitgliedern“ (Chancellor, Sherman, Thomas und Browner) ist inzwischen kein Spieler mehr im aktiven Roster der Seahawks. Allgemein spricht man in Seattle derzeit viel über einen Umbruch. Inwieweit ist dieser Umbruch bereits vollzogen und wie siehst du die Zukunft eurer Franchise aus dem Nordwesten? Welche Rolle wird Russell Wilson dabei spielen?

Umbruch, Neuausrichtung, Rebuild, Retooling – da gab es kaum einen Begriff, der in der Offseason nicht für das verwendet wurde, was bei den Seahawks in Seattle vor sich ging. Ich mochte keines dieser Wörter, weil ich sie nicht verwenden will, solange der Franchise-Quarterback weiterhin vorhanden ist. Das beantwortet damit schon die Frage, welche Rolle Russell Wilson für die Seahawks in Zukunft spielen wird: Die, die einem Spieler seines Kalibers zusteht. Die wichtigste. Natürlich hat sich im Kader zuletzt einiges getan. Ja, die Defense hat viele wichtige Spieler verloren. Ja, die jungen Spieler, die nachkommen, sind noch nicht so weit, dass sie mit der Legion of Boom von damals verglichen werden können. Aber alle Spieler in der jungen Secondary haben das Potenzial, irgendwann aufzublühen wie einst Sherman, Chancellor und Thomas so plötzlich und zeitgleich. Es wird aber mit Sicherheit noch ein paar lehrreiche Spiele mit vielen Fehlern geben, ehe es soweit ist.
Kurz gesagt: Der Kader ist (abhängig von den Vertragssituationen bei Wilson, Wright und Clark) so aufgestellt, dass er langfristig Erfolg bringen kann. Das Konzept mit der Rückkehr zum intensiven Laufspiel hätte womöglich eher einen echten Umbruch nötig.

 

2. Vor der Saison bestimmte Safety Earl Thomas die Medienberichte rund um Seattle. Nach dem anfänglichen Hold Out mit dem Wunsch nach einer Vertragsverlängerung oder einem Trade, meldete sich Thomas letztlich doch zurück. Nach einem guten Start, insbesondere den zwei wichtigen Interceptions gegen die Cowboys, war die Saison für Thomas nach einem Beinbruch plötzlich gelaufen und die Seahawks-Legende verabschiedete sich mit einer unschönen aber verständlichen Geste in Richtung Seahawks-Bank. Wie hat die deutsche Community die Geschichte um Thomas erlebt?

Das war natürlich insgesamt unschön, wie die Situation sich dann mit Thomas‘ Verletzung entwickelte. Bei der Debatte insgesamt unterscheiden sich die Meinungen bei uns im Verein wohl genauso stark wie außerhalb. Während ich seine Geste Richtung Seahawks-Verantwortliche und den Frust nachvollziehen kann, finde ich, dass jeder Spieler die Bedingungen akzeptieren sollte, die er selbst ein paar Jahre zuvor in Form eines Vertrages unterschrieben hat. Klar, da gibt es dann stets das Gegenargument, dass Teams Spieler ja auch einfach so entlassen können. Stimmt, aber das ist Teil dieses gefährlichen und brutalen Geschäfts, auf das man sich als Spieler einlässt. Das heißt nicht, dass ich das Geschäft so gut finde, wie es ist. Aber solange es so ist, müssen alle nach diesen Regeln spielen – und die geben den Teams eben mehr Optionen als den Spielern. Ganz allgemein aber gibt es ja die Tendenz, dass Verträge immer höhere garantierte Summen enthalten. Damit sind die Spieler automatisch besser abgesichert und Teams überlegen sich dreimal, welche Transaktionen sie vornehmen.
Wie es mit Thomas weitergeht, keine Ahnung. Ich glaube aber nicht, dass die Seahawks ihn nochmals unter Vertrag nehmen wollen, denn die Verantwortlichen in Seattle sehen das Potenzial der jungen Secondary, die ohne ihn zwar schlechter, aber eben auch nicht völlig auseinandergefallen ist.

 

3. Vor wenigen Wochen gab es für die Seahawks eine weitere unschöne Nachricht. Paul Allen – u.a. Besitzer der Seahawks – verstarb im Alter von nur 65 Jahren, nachdem er den Kampf gegen den Krebs verloren hat. Allen hatte meines Wissens ein wahnsinnig hohes Ansehen in Seattle und setzte sich enorm für die Gesellschaft ein. Was bedeutet der Tod vom Microsoft-Mitbegründer für die Seattle Seahawks? Wie groß war der Einfluss Allens bei der Erfolgsgeschichte der 1976 gegründeten Franchise?

Der Tod hat die Stadt in tiefe Trauer versetzt, denn Paul Allen war Seattle. Ohne ihn gäbe es die Seahawks in ihrer heutigen Form nicht in Seattle. Ohne ihn wäre die Stadt Seattle nicht so vielfältig, wie sie heute ist. Wir haben das in einem Nachruf ein wenig zusammengefasst. 1997 wären die Seahawks aus dem Pacific Northwest fortgezogen, wenn nicht Allen sich entschieden hätte, der Stadt und Bevölkerung seine Hilfe und seine Ressourcen anzubieten. Am Ende fiel ein Referendum zum Stadion-Neubau ganz knapp positiv entschieden und Seattle behielt seine Seahawks. Kaum auszumalen, was mit der Stadt passiert wäre, wenn neben (ein paar Jahre später den SuperSonics) auch noch die Seahawks weggezogen wären. Heute gilt Seattle als fanatische Sportstadt, mit einem der populärsten Fußballteams des Landes, dem Rugby-Landesmeister, einer (chronisch schlechten) Baseballmannschaft, dem WNBA-Champion, bald einem NHL-Team und hoffentlich in Zukunft auch wieder eine NBA-Franchise.

 

4. Eines der Hauptprobleme der Seahawks im vergangenen Jahr war die schwache Offensive Line, dank der Russell Wilson in 16 Spielen insgesamt 43 gesackt wurde. Auch das Run Blocking wollte nicht so recht funktionieren. Dieses Jahr musste Wilson auch schon wieder 29 Sacks einstecken aber mit 152,2 Yards per Game beim Run seid ihr plötzlich Ligaspitze. Was hat sich geändert?

Tom Cable. Der ehemalige O-Line-Trainer, der jetzt die Angriffslinie der Oakland Raiders versaut, wurde durch Mike Solari ersetzt. Und der hat der O-Line neues Leben eingehaucht, denn die blockt inzwischen sogar die berüchtigte D-Line der LA Rams Play für Play aus dem Weg. Es hat zwei Spiele gedauert, bis es Klick machte, doch die Line hat sich gefunden, hat J.R. Sweezy zurück- und D.J. Fluker dazugewonnen und wird – so billig es klingt – scheinbar einfach besser trainiert. Warum die Sack-Zahl trotzdem so hoch ist? Das liegt zum Teil auch an Russell Wilson, der eine Schwäche hat, wenn es darum geht, den Ball rechtzeitig loszuwerden. Außerdem sieht der Quarterback gerne mal einen Grund, davonzulaufen, obwohl die Line ihm noch ausreichend Zeit für einen Wurf geben würde.

 

5. Wenn wir Donnerstagnacht um 2:20 Uhr in Seattle aufeinandertreffen, hatten beide Teams nur knapp 4 Tage Zeit sich auf den jeweiligen Gegner vorzubereiten. Versetz dich in Mike McCarthys Situation: Wie sollten die Packers ihren Game Plan gestalten, um mit einem Sieg im Gepäck aus dem CenturyLink Field abzureisen?

Zwei Dinge: Sie sollten die Pass-Schemata von Seahawks-OC Brian Schottenheimer genauestens studieren und dann daraus Profit schlagen, dass sie sie im Spiel oft wiedererkennen. Und sie sollten Seattles Laufspiel stoppen. Letzteres dürfte die größere Herausforderung sein (und Ersteres ist vielleicht nicht ganz so ernst gemeint), denn die Seahawks laufen bekanntlich aktuell hervorragend und haben gleich drei Spieler, die viele Carries übernehmen könnten. Offensiv muss Maestro Rodgers die tiefen Pässe wagen, denn die funktionieren gegen eine immer wieder wacklige Secondary aktuell doch ganz gut. Vom Kurzpassspiel gegen Wagner und Wright würde ich dagegen abraten.

 

6. Wie ist deine Prognose für das Spiel und welche „Bold Predictions“ wagst du?

Die Seahawks müssen gewinnen, sonst war es das fast schon mit der letzten Wild Card. Aber den Packers geht es ähnlich. 24:17 gewinnt Seattle am Ende, weil das Team von Pete Carroll viel Zeit von der Uhr läuft und Aaron Rodgers keine Chance gibt, Green Bay übers Spielfeld zu dirigieren. Und wenn er dann selten doch mal an den Ball kommt, dann wirft der Packers-Spielmacher auch noch Interceptions. Bislang hat er erst eine auf dem Konto. Meine Bold Prediction: Nach dem Besuch im CenturyLink Field werden es drei sein.

 

Kurz und knackig aber auf den Punkt gebracht! Vielen Dank an Max und an die German Sea Hawkers e.V.!

Auch wenn wir noch nicht so ganz glauben, dass sich die Antwort auf Frage 6 bewahrheitet, wünschen wir allen Beteiligten ein geiles Spiel!

Falls ihr noch etwas Lektüre vor dem Spiel braucht: Schnellcheck der German Sea Hawkers

Alternativ könnt ihr in unseren Podcast reinhören, in dem wir ab 40:30 über das heutige Spiel gegen die Seahawks sprechen: PackersTalk Germany Podcasts