Allgemein Kolumnen Offseason 2018

Behind the Curtain: Selbstzensur der NFL

Seit ich die Footballerei entdeckt habe, bin ich von Podcasts über die Packers und die NFL begeistert. Ich höre einige, unter anderem den „Around the NFL“ Podcast vom NFL Network, der hauseigenen Medienanstalt der NFL.

Vor ein paar Wochen redeten die Moderatoren einige Minuten zu Beginn der Sendung über einen Vorfall: Einer von ihnen hatte sich um eine Mitgliedschaft bei einer Gesellschaft von amerikanischen Sportjournalisten, genauer Footballjournalisten, beworben (Pro Football Writers Association, PFWA) und war abgelehnt worden, mit der Begründung, dass er für das NFL Network arbeite. Ein anderer pflichtete ihm bei und sagte, dass er die Gesellschaft auch verlassen musste, als er von ESPN zum NFL Network gewechselt sei. Sie unterhielten sich eine Weile darüber und machten sich lustig, dass die Journalisten beim NFL Network so viele Artikel schreiben und so viele Insider-Storys herausbringen würden, dass es doch lächerlich sei, dass sie nicht in diese Gesellschaft hineingelassen würden. Ich hörte mir das an, fragte mich auch, was das denn solle. Immerhin sind Journalisten des NFL Networks wie Ian Rapoport an den meisten Enthüllungen rund um die NFL beteiligt. Und ich wunderte mich.

Bis heute.

Am Nachmittag deutscher Zeit postete der Dalai Lama ein Bild auf Instagram, wenig Ernstes. Lediglich ein Bild, wie er einen Football hält und eine Packers-Kappe aufhat.

https://www.instagram.com/p/BhYovmxgutz/?taken-by=dalailama

Aaron Rodgers ist momentan mit seiner Freundin und Rennfahrerin Danica Patrick in Indien unterwegs, auf einer weltweiten Mission, bei der sie Hörhilfen verteilen.

Das Bild war unspektakulär und gleichzeitig erheiternd. Dachten sich wohl auch die Social-Media Manager bei der NFL UK (Twitter), der NFL und den Packers (auf Instagram) und posteten das Bild.

Da in der Offseason wenig zu berichten ist, hatten es auch alle relevanten Newsseiten der NFL (ESPN, etc.) und der Packers (packersnews, jsonline, gpggazette,…). Nicht zu finden war die Nachricht auf nfl.com und bei packers.com, der Teamwebsite.

Nicht zu finden war das Bild auch wenige Stunden später bei der NFL UK (Twitter), der NFL und den Packers (auf Instagram).

(Die Posts gehen zurück bis zum 3.4.)

Die Verantwortlichen hatten es nach einem offensichtlichen Zwischenruf aus der NFL-Zentrale gelöscht.

Die Hintegründe

Die NFL ist auf Expansionskurs, und ganz besonders in China. China allerdings erkennt seit dem Einmarsch in Tibet, der die Flucht des Dalai Lama nach Indien zur Folge hatte und Tausende Tibeter das Leben kostete, das Land nicht an. Der Dalai Lama wird als Feind betrachtet und alle Länder und Personen, die sich mit ihm öffentlich treffen, werden von China zumindest gerügt und politisch scharf zurechtgewiesen, so auch Barack Obama oder Angela Merkel.

Akt der zuvorkommenden Selbstzensur

Die NFL will sich wohl nicht auf diesen heißen Tanz einlassen und China in zuvorkommender Weise nicht verstimmen. Die chinesische Führung dürfte diesen Akt der Selbstzensur wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Ich persönlich halte das zumindest für sehr fragwürdig. Eine Sportliga, die sich in den China-Tibet Konflikt einmischt und politisch Stellung bezieht für ein Regime, das Kritiker unterdrückt und ins Gefängnis werfen lässt, die freie Meinungsäußerung und freie Information so weit es nur geht einschränkt und die auch Journalisten unterdrückt, einschüchtert und einsperrt, stellt sich auf die Seite genau dieses Regimes.

Womit wir wieder beim Anfangsthema wären.

Ich habe mich nach dem Hören des Podcasts gefragt, wieso diese Gesellschaft keine Journalisten des NFL Networks hineinlässt. Die offizielle Begründung ist, dass Personen, die bei einer Firma arbeiten, um deren Produkt es sich in der Berichterstattung handelt, niemals unabhängig sein können. Ich fand das damals lächerlich, denn es arbeiten tatsächliche Enthüllungsjournalisten dort.

Heute verstehe ich es. Auf jeder Nachrichtenseite wurde das Treffen erwähnt, nicht aber auf nfl.com und packers.com. Das ist kein unabhängiger Journalismus, das ist Journalismus nach dem Gusto einer Firma, dessen Produkt vermarktet werden soll. Die Enthüllungen von Rapoport und Co. handeln nicht von Fehltritten der Liga, sondern von Spielern, die zu anderen Teams getradet werden, die neue Verträge erhalten etc. Rapoport selbst hat sich mittlerweile einen Status erarbeitet, bei dem er etwas freier agieren kann, aber auch er ist in das enge Korsett der NFL gezwängt. Er und alle anderen beim NFL Network sind Angestellte einer Liga, die etwas verkaufen will. Schlechte Beziehung zu einem Expansionsmarkt kann da keiner gebrauchen…

Der Beitrag ist Teil einer Kolumne und spiegelt damit nur meine persönliche Meinung und nicht die der ganzen Redaktion wider.

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