Allgemein Kolumnen

Von Draft zu Draft – Neue Kickoff-Regeln und Helm gegen Helm

Die NFL hat neue Kickoff-Regeln beschlossen. Diese sollen verhindern, dass es zu schweren Verletzungen kommt. Die Regeln werden in der Offseason 2019 noch einmal überprüft. Des Weiteren werden zukünftig Angriffe mit dem Helm gegen den Helm des Gegenspielers strenger bestraft. Ich stelle Euch die Regeln näher vor und beleuchte die Hintergründe.

Die neuen Kickoff-Regeln im Überblick:

 

1. Kurzer Anlauf des kickenden Teams

Die Spieler des Teams, das den Kickoff ausführt, dürfen sich maximal ein Yard hinter dem Football positionieren. Nach den alten Regeln konnten sich die Spieler an der 30 Yard-Linie aufstellen und bereits vor dem Kick los laufen, solange sie die 35 Yard-Linie nicht überschritten.

2. Sicherung des Footballs in der Endzone nicht nötig

Schlägt der Football nach dem Kickoff in der Endzone auf, bedeutet dies automatisch einen Touchback. Eine Sicherung des Footballs ist somit nicht mehr nötig. Die Offense startet automatisch von der 25 Yard-Linie. Vorher kam es bei der Sicherung des Footballs immer wieder zu Zusammenstößen.

3. Großteil des Returning Teams ist auf die Setup-Zone beschränkt

Acht der elf Spieler des Returning Teams beginnen nun in einer 15 Yard-Zone zwischen der eignen 40 Yard-Linie und der 45 Yard-Linie des Gegners, sog. Setup-Zone. Zuvor konnten sich die Blocker überall in der Setup-Zone aufstellen, solange sie hinter der „Retaining Line“ blieben. Diese befand sich 10 Yards von der kickenden Mannschaft entfernt. Die Situation ist ähnlich wie beim Punt.

4. „Wegde-Block“ – Verbot

Mit acht Spielern in der „Setup Zone“ bleiben zwei Blocker und ein Returner in der Nähe der Endzone. Fängt der Returner nach dem Kickoff den Ball, dürfen die beiden Spieler vor ihm keinen Block mehr bilden, sogenannter „Wedge Block“, um den gegnerischen Spieler in die Zange zu nehmen. Wedges wurden nach und nach von der NFL verboten, wobei die Regel im Jahr 2009 auf zwei Spieler, die einen Block bilden dürfen, reduziert wurde. Sie sind nun vollständig verboten.

Hier werden die neuen Regeln in einem kurzen Video erklärt:

Helm-gegen-Helm

Jeder Angriff mit dem Helm gegen den Helm eines Gegenspielers wird zukünftig mit einer 15 Yard Strafe geahndet. Diese Regel gilt für das gesamte Spielfeld und unabhängig von der Position des Spielers. Ein Spieler kann für einen Angriff mit dem Helm auch des Feldes verwiesen werden, wenn folgende drei Umstände vorliegen:

1. Der Spieler senkt den Kopf, um den Gegenspieler mit dem Kopf voraus anzugreifen.

2. Der Spieler muss freie Sicht auf seinen Gegenspieler gehabt haben.

3. Der Kontakt muss vermeidbar gewesen sein und der Spieler andere Optionen gehabt haben, um seinen Gegenspieler zu stoppen.

Des Weiteren darf der balltragende Spieler den Kopf vor einer Kollision nicht runter nehmen.

Das Video der NFL verdeutlicht die neue Regelung sehr gut:

Hintergrund der Regeländerungen

In Zukunft soll das Risiko von schweren Verletzungen, insbesondere von Kopfverletzungen reduziert werden. Seit vielen Jahren schon verzeichnet die NFL eine Vielzahl von Gehirnerschütterungen bei Spielern. Allein in der abgelaufenen Saison wurden laut NFL 281 Gehirnerschütterungen gezählt. In der Saison 2016 waren es 243. Das Thema ist nicht wirklich neu.

Gehirnerschütterungen gab es immer in der NFL und getreu dem Motto: „Hauptsache es kracht“, war der NFL jahrzehntelang die Action auf dem Platz wichtiger als die Gesundheit der Spieler. Auch die Spieler selbst wollten nicht als Weichei gelten und hoben lieber den Daumen, als über Beschwerden zu klagen. In der jüngsten Vergangenheit haben viele ehemalige Spieler über die Spätfolgen ihrer Karriere in der NFL berichtet. So kam das Thema erst in die Öffentlichkeit und es bekam die nötige Aufmerksamkeit. Durch einige Studien in den letzten Jahren wurden die Zusammenhänge mit den erlittenen Gehirnerschütterungen belegt. Als Spätfolge von Gehirnerschütterungen gilt CTE (Chronisch-traumatische-Enzephalopathie). Hierbei handelt es sich um eine neuronale Dysfunktion, die durch Schläge und Stöße von außen gegen den Kopf verursacht wird. Die Erkrankung ist aktuell nur nach dem Tod eines Menschen eindeutig zu diagnostizieren. Aus diesem Grund stellen viele ehemalige NFL Spieler ihr Gehirn nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung.

Zu den Symptomen von CTE zählen unter anderem:

  • Gedächtnisverlus
  • Aggressivität
  • Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen
  • Sprachstörungen
  • Depressionen
  • Suizidgedanken
  • Demenz

Wie kommt es zu einer Gehirnerschütterung?

Das Gehirn wird durch den Schädelknochen geschützt. Zwischen dem Gehirn und dem Schädelknochen befindet sich die Hirnflüssigkeit. Hierin „schwimmt“ das Gehirn und wird durch diese bei den alltäglichen Aktivitäten vor dem Aufprall am Schädelknochen geschützt.

Wird der Kopf durch äußere Einwirkungen stark beschleunigt und die Bewegung plötzlich gestoppt, schlägt das Gehirn gegen den Schädelknochen. Ein Beispiel: Ein Spieler wird während des Laufspiels von seinem Gegner gestoppt und zu Boden geworfen. Der Kopf schlägt mit voller Wucht auf dem Boden auf. Der Block des Gegenspielers ist die äußere Einwirkung und das Aufschlagen des Kopfes auf dem Boden ist das plötzliche Abstoppen der Bewegung (Sturz des Spielers).

Typische Symptome einer Gehirnerschütterung können sein:

  • vorübergehende Bewusstlosigkeit und Benommenheit
  • Gedächtnislücken
  • Übelkeit, Brechreiz bis hin zum Erbrechen
  • Kopfschmerzen
  • Gleichgewichtsstörungen, Schwindelgefühl, Schwächegefühlt, Sehstörungen, Sprachstörungen
  • die Person kann ohne Hilfe kaum Aufstehen

Eine Gehirnerschütterung verursacht keine sofortigen bleibenden Schäden wie ein Knochenbruch. Eine Gehirnerschütterung oder auch wiederholte Gehirnerschütterungen müssen nicht zwangsläufig zu CTE führen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Verletzung des Hirngewebes vollständig ausheilt. Je nach Schwere der Verletzung kann sich der Heilungsverlauf über mehrere Wochen und Monate erstrecken.

Das Concussion Protokoll

In der Regel fangen die Helme der Spieler einen großen Teil der Energie des Aufpralls ab, so dass es zu keinen schwerwiegenden Verletzungen kommt. Aber kein Helm der Welt bietet eine absolute Sicherheit. Treten bei einem Spieler ein oder mehrere der nachfolgend aufgeführten Symptome auf, die die NFL festgelegt hat, tritt das Cocussion Protokoll in Kraft.

  • Kompletter Verlust des Bewusstseins
  • langsmes Aufstehen nach dem Schlag auf den Kopf, wobei dies nicht nur den Helm-zu-Helm Kontakt, sonder auch den darauffolgenden Kontakt mit dem Boden beinhaltet
  • Probleme der Koordination oder dem Gleichgewicht
  • leerer Blick
  • Desorientierung (der Spieler weiß nicht wo er ist, etc)
  • Halten des Kopfes nach dem Kontakt / Sturz
  • sichtbare Gesichtsverletzungen in Verbindung einem der oben genannten Punkte

Das Concussion Protokoll gibt es seit 2009 und wurde in den letzten Jahren immer wieder angepasst und verfeinert. Es ist in zwei Abschnitte unterteilt.

Concussion Game Day Checklist

  1. Liegt eine mögliche Gehirnerschütterung vor, muss der Spieler das Feld verlassen und sich untersuchen lassen.
  2. Die Teamärzte und unabhängige Neurologen sichten das Videomaterial zum betreffenden Vorfall. Der Spieler durchläuft sodann einige neurologische Tests.
  3. Erhärtet sich der Verdacht einer Gehirnerschütterung, wird der Spieler in die Kabine gebracht und wird dort einer kompletten Untersuchung unterzogen.
  4. Wird daraufhin eine Gehirnerschütterung festgestellt, darf der Spieler nicht wieder auf das Feld zurück.
  5. Wird beim Spieler keine Gehirnerschütterung festgestellt, wird er dennoch während des gesamten Spiels beobachtet. Bei erkennbaren Symptomen muss der Spieler wieder vom Feld.

Die Spieler werden des Weiteren von zwei medizinischen Fachkräften mit Ferngläsern beobachtet. Diese schauen sich Videosequenzen von verdächtigen Szenen an. Sollte ein Spieler auffällige Symptome zeigen, wird das Spiel unterbrochen und der Spieler muss das Spielfeld verlassen.

Return-To-Participation-Protokoll

Um wieder am Spielbetrieb teilnehmen zu können, durchläuft der Spieler in der Folgezeit fünf Schritte.

  1. Ruhe und Erholung
  2. Leichtes Ausdauertraining
  3. Ausdauer- und Krafttraining
  4. Footballtraining ohne Körperkontakt
  5. Komplettes Training ohne Einschränkungen

Der Spieler wird während des gesamten Prozesses neurologischen Tests unterzogen. Nach dem Durchlaufen der fünf Schritte darf der Spieler wieder zurück aufs Spielfeld.

Sinn oder Unsinn, das ist hier die Frage.

Die Helme der Spieler entwickeln sich, genauso wie die Protektoren, immer weiter. Sie bieten mehr Schutz als vor 10 oder 20 Jahren. Die NFL testet die Helme und verbietet Modelle, die keinen ausreichenden Schutz bieten.

Das Concussion-Protokoll zeigt zudem, dass es ein wirksames Instrument gibt, um Spätfolgen zu vermeiden, bzw. das Risiko zu minimieren – die vollständige Ausheilung einer Gehirnerschütterung. Ein Restrisiko ist nicht auszuschließen. Jeder Sportler weiß, dass die professionelle Ausübung einer Sportart dauerhafte Schäden hinterlassen kann. Die steigenden Zahlen von Gehirnerschütterungen sind besorgniserregend. Das liegt nicht unbedingt an schlechten Helmen, sondern daran, dass Spieler auch selbst eine Verletzung melden und besser darauf geachtet wird. So wundert es mich nicht, dass die Zahl der Gehirnerschütterungen angestiegen ist.

Die NFL wird die neuen Regeln in der Offseason 2019 noch einmal einer Prüfung unterziehen. Ob sie das Spiel wirklich sicherer machen, lässt sich nicht gänzlich abschätzen. Dies wird erst die kommende Saison zeigen. Was die NFL aber konsequenter umsetzen könnte, sind die Strafen für ein gefährliches Spiel. Wenn Strafen von mehreren Spielen nach wenigen Tagen auf ein Minimum von einem Spiel reduziert werden, verfehlen diese ihre Wirkung. Durch die klare Definition der helmet-to-helmet Regelung wird mehr Klarheit geschaffen. Bleibt die NFL bei den Strafen konsequent, ist ein richtiger Schritt in die richtige Richtung getan.

Ob sich die Maßnahmen der NFL der letzten Jahre wirklich auszahlen, wird sich erst in ein bis zwei Jahrzenten zeigen. Wenn die aktuelle Spielergeneration in Rente gegangen ist, kann durch entsprechende Studien geklärt werden, ob den Spätfolgen wirksam entgegen getreten worden ist.

Hierbei handelt es sich ausschließlich um DocHopfen’s Meinung. Diese steht nicht für einzelne Mitglieder oder die komplette Packers Germany-Redaktion. Für Fragen und Anregungen stehe ich Euch gerne auf Twitter unter @DocHopfen zur Verfügung.

Euer Doc

1 COMMENTS

  1. „3. Der Kontakt muss vermeidbar gewesen sein und der Spieler andere Optionen gehabt haben, um seinen Gegenspieler zu stoppen.“

    -> D.h wenn der getroffene Spieler KEINE möglichkeit hatte den Gegenspieler zu stoppen (weil er es selber nicht gesehen hat, oder in einem block hing), wird der angreifer nicht vom Feld gestellt oO?

    irgendwie seltsam. Imho sollte das unabhängig vom getroffenen Spieler sein.

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