Allgemein Kolumnen

Von Draft zu Draft – NFL-Streit um neue Hymnen-Regularien

Ein Kommentar zur aktuellen Entwicklung im Hymnen-Streit der NFL.

Die Meinungsfreiheit ist in modernen Demokratien wie der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika ein hohes Gut und in den jeweiligen Verfassungen fest verankert. Sie ist ein Menschenrecht und gewährt dem Menschen die Äußerung seiner freien Meinung in Wort, Ton und Bild und kann nur unter bestimmten Bedingungen eingeschränkt werden. Hierzu müssen die betroffenen Güter gleich- oder höherrangig sein, wie z.B. der Schutz der persönlichen Ehre gegen Verleumdung oder Beleidigung oder auch berechtigte Interessen des Staates.

Die NFL dreht frei

Als ich die Mitteilung der NFL las, dass künftig die Spieler nicht mehr bei der Nationalhymne knien dürfen, erinnerte ich mich an eben jene Meinungsäußerungsfreiheit. Stattdessen wird den Spielern ‚gewährt‘, in der Kabine und damit der Hymne fern zu bleiben. Gleichzeitig werden die Teams in die Verantwortung genommen. Sie haben dafür zu sorgen, dass Verhaltensregeln aufgestellt werden, die mit der Regelung der NFL konform sind. Aha! Und es kommt noch dicker. Bei Verstößen sind sogar Strafen möglich. Wie diese aussehen sollen, ist bisher nicht bekannt. Von Geldstrafen für das Team bis hin zu Sperren der betreffenden Spieler scheint derzeit alles möglich.

Was war passiert?

Alles begann mit dem Kniefall des Quarterbacks der San Francisco 49ers Colin Kaepernick im Jahr 2016. Während der Nationalhymne vor einem Spiel wollte er hierdurch auf die Rassendiskriminierung in den USA aufmerksam machen. Hiermit trat er eine Welle los, die just in der Entscheidung der 32 Teambesitzer und dem ehrenwerten Commissioner Goodell mündete. In der Folge meldete sich auch immer wieder der frühere Präsidentschaftskandidat und heutige US-Präsident Donald Trump über die sozialen Medien zu Wort. Er warf den betreffenden Spielern mangelnden Respekt vor der Fahne der USA und der Nationalhymne vor. Auch vielen Amerikanern missfiel der Kniefall der Spieler. Umgekehrt solidarisierten sich aber auch viele Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft und allen Teilen der Welt mit den betreffenden Spielern.

Heile Welt NFL

Ist die Entscheidung der 32 Teambesitzer also eine politische Entscheidung? Warum dürfen Spieler nicht auf gesellschaftliche Misstände aufmerksam machen? Dürfen sie, aber bitte abseits des Spielfeldes. Die Entscheidung der NFL wirkt politisch und ist es vermutlich auch zum Teil. Vielmehr geht es aber auch um das Gesamtprodukt NFL. Diese Geldmaschine muss laufen und soll möglichst ein perfektes Bild abliefern. Die Show dient der Ablenkung des Volkes wie einst die Gladiatorenkämpfe im Kolosseum in Rom. Die NFL verdient einen Haufen Geld mit der Vermarktung ihrer Übertragungsrechte sowie dem Verkauf ihrer Fanprodukte weltweit. Hinzu kommen Milliardeneinnahmen aus der Werbung großer Unternehmen. Da passt es nicht in das Bild dieser heilen Welt, dass gesellschaftspolitische Dinge über den Bildschirm flimmern, den zahlenden Zuschauer ‚belästigen‘ und ihn verschrecken oder der Werbepartner in Verbindung mit eben jenen Protesten gebracht wird. Jeder soll schließlich das bekommen, für was er gezahlt hat – perfekte und reibungslose sportliche Unterhaltung und Inszenierung!

Ein Blick über den großen Teich

Auch wenn der Aufschrei aktuell groß ist, handelt es sich hierbei nicht um ein neues Phänomen aus Amerika. FIFA und UEFA legen seit längerem Wert darauf, dass ihre heile Welt nicht erschüttert wird. So findet man beispielsweise bei Spielen der Fußball-WM keine Fernsehbilder, die nicht ins Bild passen. Bei Spielen der UEFA Champions League ist es normal, dass die UEFA das Fernsehbild selber produziert und den übertragenden Sendern zur Verfügung stellt. Heile Welt wohin man schaut. Scripted Reality nennt man das!

Und wo wir schon bei der WM sind. In ein paar Tagen startet die Fußball-WM in Russland. Ich bezweifle stark, dass wir dort während der Spielübertragung kritische Meinungsäußerungen von den Rängen im TV zu sehen bekommen, sofern sie überhaupt stattfinden sollten. Was wir aber zu sehen bekommen, sind die Spieler der deutschen Nationalmannschaft bei der deutschen Hymne. Immer wieder flammt die Diskussion auf, warum der Nationalspieler XY die Nationalhymne nicht mitsingt. In der Regel findet diese Diskussion bei Spielern mit Migrationshintergrund statt. Oft wird von mangelnder Identifikation mit Deutschland gesprochen und die vollständige Integration des betreffenden Spielers in Frage gestellt. Für mich völliger Humbug. Mich interessiert nicht, ob ein Spieler die Nationalhymne singt. Auf dem Platz ist entscheidend. Natürlich hinkt dieser Vergleich, da der Spieler durch sein Schweigen keinen Protest zum Ausdruck bringt. Könnte man ihn zum Singen verpflichten? Der DFB wird mit Sicherheit nicht auf die krude Idee kommen, auf seiner nächsten Mitgliederversammlung die Verpflichtung zum Mitsingen der Nationalhymne beschließen und bei Nichteinhaltung Strafen androhen. Andererseits traue ich auch dem DFB allerlei Unfug zu. Der Vergleich zeigt, dass wir eine ähnliche Diskussion bereits kennen.

Wie wird es weiter im Hymnen-Streit gehen?

Zurück zur NFL. Die Spielervereinigung NFLPA hat bereits wenige Minuten nach bekannt werden der Regelung heftig protestiert und angekündigt, hiergegen vorgehen zu wollen. Die NFLPA war zudem nicht in den Entscheidungsprozess eingebunden und kritisierte dies auch heftig. Scharf geschossen wurde auch gegen Commissioner Goodell und John Mara, Vorsitzender des NFL Management Council, weil die neue Regelung im völligen Gegensatz zu dem stehe, was sie gegenüber der NFLPA geäußert haben. Eine gemeinsame Lösung wäre für alle Beteiligten definitiv besser gewesen.

Das Problem hat die NFL meines Erachtens nur in die Kabine verlagert. Spieler, die zukünftig der Hymne fern bleiben, verhalten sich nach den Regeln der NFL ‚rechtens‘ und können nicht bestraft werden. Sie werden aber weiterhin den Anfeindungen derer ausgeliefert sein, die hierin ebenfalls mangelnden Respekt vor Hymne und Fahne sehen. Das Thema war zwar nie ganz weg, die NFL gießt nunmehr aber Öl ins Feuer und facht die Debatte hiermit erneut an. Das Thema bleibt also brandaktuell. Klüger wäre es gewesen, die weitere Entwicklung abzuwarten. Stattdessen präsentiert man eine Regelung die augenscheinlich mit heißer Nadel gestrickt worden ist, gibt einen gewissen Rahmen vor und lädt dann auch noch die komplette Verantwortung für die Umsetzung bei den Teams ab. Diese waren an der Entscheidung natürlich maßgeblich beteiligt – also müssen sie auch damit zurechtkommen. Für mich absolut unverständlich.

Chance vertan

Ruhe wird somit nicht in die Diskussion kommen und eine gemeinsame Lösung, wie man mit dem Kniefall der Spieler und seiner Bedeutung umgeht, ist vertan. Die NFL hätte locker Profit daraus schlagen und eine Kampagne gegen Rassismus und Diskriminierung zusammen mit den Teams sowie den Spielern starten können. Selbst den Kniefall ohne Hymne und Fahne hätte man bestens als Symbol für eine Solidarisierung mit den Opfern von Rassismus und Diskriminierung nutzen können. Die Spots wären vor den Spielen gelaufen, so wie in Europa schon lange üblich. Im Gegenzug wäre mit Sicherheit auch eine Übereinkunft mit Teams, Spielern und NFLPA möglich gewesen, den Kniefall auszusetzen. Hätte, hätte, Fahrradkette! Nunmehr also verbrannte Erde. Ein Zurückrudern der NFL wird kaum möglich sein. Wie sollte sie dies auch erklären, ohne noch mehr an Glaubwürdigkeit zu verlieren? Die NFL und Commissioner Goodell haben sich nicht nur sauber ins Knie geschossen. Nein, viel besser, sie haben sich gleich beide Beine weg geschossen.

Der Meinungsfreiheit tut dies übrigens keinen Abbruch. Es wird weiterhin heftig über Rassendiskriminierung in den USA diskutiert werden. Mit Sicherheit fühlen sich auch viele Spieler bevormundet und bleiben zukünftig erst recht in der Kabine. Recht so!

Hierbei handelt es sich ausschließlich um DocHopfen’s Meinung. Diese steht nicht für einzelne Mitglieder oder die komplette Packers Germany-Redaktion. Für Fragen und Anregungen stehe ich Euch gerne auf Twitter unter @DocHopfen zur Verfügung.

Euer Doc

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