Allgemein

Behind the Curtain: Häusliche Gewalt und die NFL

Der aktuelle Anlass

Es gibt in der NFL solche und solche Teams. „Solche“, das sind zum Beispiel die San Francisco 49ers, die einen Spieler, namentlich Linebacker Reuben Foster, aus ihrem Kader entlassen haben, nachdem er in Tampa, Florida, wegen des Verdachts auf Anwendung häuslicher Gewalt festgenommen worden war. „I can tell you it’s extremely disappointing for me, for Kyle [Shanahan], for ownership, for everyone in here” – so General Manager John Lynch gegenüber nfl.com. Reuben Foster ist ein Draft Pick der 49ers aus diesem Jahr, er ist also erst seit kurzem in der NFL und fällt aktuell bereits zum zweiten Mal damit auf. Beim ersten (möglichen) Vergehen beschlossen die 49ers, die Ermittlungen der Polizei abzuwarten, die sich dann als ergebnislos herausstellten. Daher blieb Foster zunächst im Kader des Teams. Beim zweiten (möglichen) Verstoß (übrigens gegenüber der gleichen Person wie im Februar) waren die 49ers dann aber sofort bereit, ihn gehen zu lassen.

Doch der spannende Teil der Geschichte fängt jetzt erst an: Foster durchlief das sogenannte „waiver wire“, ein Ablauf, bei dem die NFL Teams in der Reihenfolge vom schlechtesten zum besten Team einen entlassenen Spieler, der noch einen Vertrag hat, in ihren Kader aufnehmen können. Und Foster wurde jetzt von den Washington Redskins verpflichtet. Getreu dem Motto: Solange du gut Football spielst, ist uns völlig egal, was für ein Mensch du bist. Das passt übrigens zu den Redskins, denn bei ihnen steht schon Running Back Adrian Peterson unter Vertrag. Peterson ist aus früheren Jahren dafür bekannt, seine Kinder regelmäßig brutal geschlagen zu haben – nach eigener Aussage zur Erziehung. Jüngst gab er in einem Interview bekannt, dies immer noch zu tun. Unter anderem schlägt er zum Beispiel seinen Sohn mit einem Gürtel. Nach der Veröffentlichung des Interviews gab es selbstverständlich einen großen Aufschrei in der amerikanischen Gesellschaft, doch die Redskins wollten davon nichts wissen. Denn immerhin erlebt der mittlerweile 33-jährige Running Back und vermutlich zukünftige Hall of Famer seinen x-ten Frühling und spielt (sportlich gesehen) eine sehr gute Saison.

Ist das etwa Mode?

Die Redskins sind aber nicht das einzige Team, das Spieler aufnimmt, die einen Hintergrund mit häuslicher Gewalt oder Gewalt gegen Frauen haben.  Auch die Cincinnati Bengals drafteten einen Spieler im vergangenen Jahr, der eine Frau geschlagen hatte: Running Back Joe Mixon. Mixon wurde trotz des Videos gedraftet, weil er wohl der (sportlich) beste Running Back seines Jahrgangs war. Viele Teams ließen ihn links liegen, die Bengals machten sich offenbar nichts daraus und stellten den sportlichen Erfolg genauso wie die Redskins höher als jegliche Form von Anstand und Respekt.

Jerry Angelo, von 2001 bis 2011 General Manager der Chicago Bears, brach 2014 sein Schweigen und berichtete gegenüber der USA Today Sports, dass er in seinen 30 Jahren in der NFL von „hunderten über hunderten“ Fällen häuslicher Gewalt von NFL Spielern erfahren habe. Er bereue, nichts unternommen zu haben. Und solange niemand „ernsthaft“ (quasi krankenhausreif) geprügelt worden war, wurde einfach darüber hinweggesehen. Die NFL und insbesondere Commissioner Roger Goodell nahm er im Ergreifen von Konsequenzen eindrücklich von seiner Kritik (auch an sich selbst) aus. Die Liga würde rigoros gegen bekannte Fälle vorgehen. Allerdings sei das Interesse daran, Fälle selbst aufzuklären, auch nicht übermäßig groß: Im Falle von Ray Rice, der eine Frau im Aufzug k.o. geschlagen hatte, wurde die Liga erst aktiv, als ein Video von dem Vorfall von einer Boulevard-Zeitung veröffentlicht worden war und die ganze Welt es sehen konnte. Zuvor war Rice lediglich für zwei Spiele gesperrt worden.

Angelo sagt von sich selbst, er habe sehr viele Fälle der NFL nicht gemeldet. Denn die hätten seinem Team einen Wettbewerbsnachteil gebracht: „our business ist to win games“. Und so sind vermutlich viele General Manager der NFL auch heute noch, nach dem Verabschieden einer Leitlinie zum zwingenden Melden von jeglichen Fällen häuslicher Gewalt, eher bestrebt, das „Problem“ intern zu lösen.

In einem Zeitraum von 14 Jahren wurden 80 NFL Spieler in 87 Fällen häuslicher Gewalt festgenommen. Festnahmen sind natürlich auch als NFL Team nicht mehr abzustreiten. Diese Fälle sind also bewiesen – zumindest die Anschuldigungen und Festnahmen.

Ursachenforschung

Es stellt sich zwingend die Frage nach den Gründen. Ist Football nicht einfach ein aggressiver Sport, bei dem junge, testosteron-geladene Männer gegeneinander „kämpfen“? Oder liegt es an dem sogenannten „male entitlement“, also dem Phänomen, dass sich die jungen Männer als etwas Besseres fühlen, weil sie berühmt und bekannt sind?

Nichts davon ist der Fall. 23% der amerikanischen Erwachsenen in Großstädten wurden in ihrem Leben schon einmal wegen eines Gewaltverbrechens verhaftet. Unter den Football Spieler der Studie von Blumstein und Benedict (1999) lag die Quote bei 21.4% – also knapp darunter. Bezieht man nun noch den Fakt mit ein, dass die Spieler zumeist aus schwierigen Verhältnissen kommen, so wird man sehen, dass die Gruppe der NFL Spieler nur halb so oft verhaftet wurde z.B. für Verbrechen häuslicher Gewalt. Es liegt also nicht am Sport und nicht an den Spielern – die sind meist besser erzogen als andere junge Erwachsene ihres Alters und aus ihrem Milieu.

Die Sache ist relativ simpel: Football Spieler sind nicht unbedingt bessere Menschen als Nicht-Football-Spieler und sowohl einige „Normalos“, als auch einige Football Spieler sind Verbrecher und menschlich „unter aller Sau“. Die Quote unter NFL Spielern ist nicht großartig verändert gegenüber der restlichen Bevölkerung. Doch die Teams und General Manager ziehen es vor, ein gesellschaftliches Problem der gesamten amerikanischen Gesellschaft in ihrem Business lieber unter den Teppich zu kehren – es könnte ja dem Geschäft schaden. In diesem Sinne sind also ganz alleine die Owner, die General Manager und die Spieler, die diese Unfassbarkeiten begehen, dafür zu verurteilen. Und man sollte Teams wie den Redskins keinen Respekt zollen, wenn sie gut spielen.

Das institutionalisierte Fehlverhalten liegt nicht bei den Spielern. Es liegt bei den Managern und Eigentümern der milliardenschweren Unternehmen.

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